Wenn Schafe Menschen hinterherlaufen, tun sie das womöglich nicht so blind, wie wir immer dachten. In einer Studie von Forschern der Universität Cambridge wurden Schafen Schwarz-Weiß-Fotos von vier berühmten Persönlichkeiten gezeigt. Das Team wollte herausfinden, ob Schafe verschiedene Gesichter unterscheiden können. Bei den Herdentiere lag die Vermutung nahe, dass die Gesichtserkennung eine von Schafen genutzte Kommunikationsmöglichkeiten ist. Die Gesichtserkennung ist eine komplexe Aufgabe für das Gehirn.

Um die Theorie zu testen, trainierten die Forscher die Schafe darauf, das Abbild einer Person mit einer Belohnung in Form von Nahrung zu assoziieren. Dann wurden ihnen nebeneinander Bilder von mehreren Personen gezeigt. Wenn die Schafe das Bild der richtigen berührten, erhielten sie eine Belohnung. In acht von zehn Fällen wussten die acht Schafe in der Studie, welches Gesicht mit der Belohnung in Verbindung stand.

Um zu testen, ob die Schafe auch wirklich Gesichter erkannten und nicht nur vertraute Fotos, zeigten die Forscher den Tieren unterschiedliche Bilder der Berühmtheiten, darunter auch Aufnahmen aus schrägen Winkeln. Die Schafe erkannten die Gesichter auch aus diesen anderen Perspektiven in mehr als der Hälfte aller Fälle.

Aber sie erkannten nicht nur die Gesichter auf den Fotos. Ihnen wurde auch ein Bild von einem ihrer nicht am Experiment beteiligten Pfleger vorgehalten, von dem sie oft kleine Belohnungen erhielten. In sieben von zehn Fällen wählten die Schafe das Bild ihres Pflegers. Die Studie beschreibt, dass die Tiere bei diesem Versuch „zwei Mal hinsahen“ – zuerst zum Fremden und dann zum Pfleger – bevor sie sich für ihren Pfleger entschieden. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Royal Society Open Science“ veröffentlicht.

Obwohl die Studie einen interessanten Einblick in die Denkweise von Schafen bietet, tragen die Ergebnisse vor allem zur Grundlagenforschung für das Verständnis der Krankheit Chorea Huntington bei. Die seltene, aber schwere neurologische Krankheit ist nicht heilbar. Sie beeinträchtigt die Geh-, Sprech- und Denkfähigkeit einer Person. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in den westlichen Ländern (wo entsprechende Daten verfügbar sind) zwischen fünf bis sieben Menschen je 100.000 betroffen sind.

Bisher wurde noch kein Heilmittel entdeckt. Sofern jemand die genetischen Voraussetzungen erfüllt, ist es wahrscheinlich, dass die Krankheit bei ihm ausbricht. Laut den Forschern wird ein Verständnis für die Funktionsweise vergleichbarer Hirnstrukturen dabei helfen, ein Heilmittel zu entwickeln.